Geierspichler: „Wahnsinn, was in meinem Leben passiert ist!“

Rennrollstuhlfahrer Thomas Geierspichler war in der zehnten Ausgabe des Sky Sport Austria Talkformats „RIESENrad“ zu Gast. Im Gespräch mit Moderatorin Kimberly Budinsky gibt er zutiefst persönliche Einblicke in die Nacht seines Unfalls, die Zeit danach, seine Erfolge im Rennrollstuhlsport und richtet seinen Blick auf die Paralympischen Spiele 2024 in Paris.

 

Thomas Geierspichler über…

…die Nacht vom 4. April 1994, als er 17-jährig einen folgenschweren Unfall als Beifahrer erlebte: „Ich wollte auf der Heimfahrt vom Fortgehen nur ein bisschen Schlafen und auf einmal machte es einen riesen Tuscher. Mein Freund ist in einer Rechtskurve gerade in eine Mauer gefahren und ich weiß noch, wie ich gesagt habe: Nein, nicht in den Rollstuhl. Habe intuitiv gewusst, das wird eine Rollstuhlsituation sein.“

…die Zeit danach: „War dann einfach eine Scheißzeit und eigentlich auch eine hoffnungslose Zeit für mich. War einfach diese verhasste Rollstuhlsituation, dass man nicht mehr gehen konnte, es verändert sich einfach alles. Man lernt das natürlich alles, aber in diesem Moment hat man einfach sein altes, unbeschwertes Leben vor sich, ist damit auch ständig konfrontiert und auf einmal sitzt man im Rollstuhl. Habe einfach geglaubt, mein Leben ist so nicht lebenswert.“

…seinen Weg, die Tiefen zu überwinden, auch Mithilfe des Glaubens: „Ich bin geflohen vor der Realität, die verhasst war und die ich nicht haben wollte. Wollte das Ganze einfach nicht akzeptieren und mich selbst nicht mehr fühlen, weil da Gefühle hochgekommen sind im Rollstuhl, die ich nicht wollte. Habe damals auch ein Ende in meinem Leben herbeigesehnt, weil ich war zum Schluss echt arg drauf, war jeden Tag eingekifft.“

…seinen Weg aus den Tiefen: „Ich war dann eingeladen bei Freunden, die Christen waren und dann fragt mich der Gastgeber: „,Wie geht es dir?´ Wenn jemand sowas fragt, dann sagt man halt: Ja, passt schon. Aber ich habe gemerkt, der war mit der Antwort nicht zufrieden und sagte nochmals: ,Nein, wie es dir wirklich geht?´ Und dann hat es mir so einen Stich im Herzen gegeben und dann war da eine Stimme bei mir die gesagt hat: Ja, scheiße geht es mir. Davor habe ich diese Stimme nie wahrgenommen. Die Gastgeberin hat mir dann auch noch ein Geschenk mitgegeben, nämlich die Bibel und hat gesagt: ,Hilft es nicht, schadet es nicht.´ Zurück im Auto wollte ich mir eine Zigarette anzünden und denke mir dann so: Jetzt war ich sechs, sieben Stunden in diesem Haus und hatte keine Gelüste nach einer Zigarette, Alkohol oder Drogen.“

…den entscheidenden Moment: „Und dann haben sich zwei so Stimmen bei mir gemeldet, wie Engerl und Teuferl und daraufhin habe ich gesagt: Gott, wenn es dich wirklich gibt, dann hilf mir dabei, dass ich aufhöre zu rauchen und auch gleich mit dem anderen Zeugs. Dann ist Tage danach extrem viel Energie in mir aufgestiegen, andere würden sagen, das sind Entzugserscheinungen, aber ich habe gemerkt: Nein, das ist Energie, die gewartet hat, dass ich sie irgendwo reinlasse und dann habe ich angefangen in der Bibel zu lesen. Da ist mir dann ein Vers ins Auge gestoßen, nämlich: ,Alles ist möglich dem, der da glaubt.´ (Markus Evangelium 9,23). Da habe ich gemerkt, dass ich die Rollstuhlsituation nicht akzeptieren wollte und das habe ich mit Drogen bekämpft. Da habe ich gemerkt, dass ich der Realität in die Augen schauen muss.“

…den Einfluss des Sturzes von Hermann Maier 1998 in Nagano auf seinem Weg: „Und dann habe ich eine Begegnung gehabt, wo mir klar geworden ist, was mein Weg ist, nämlich der Sturz vom Hermann Maier 1998. Wie er da geflogen ist und aufgeschlagen ist, habe ich mir gedacht: Der ist hin. Und drei Tage später wird der Olympiasieger. Wie ich dann die Siegerehrung gesehen habe, ist mir die Gänsehaut gelaufen, mir hat es die Tränen rausgedrückt und mir ist bewusst geworden, wie Gott arbeitet. Er kommt nicht vom brennenden Busch raus und sagt: ,Das ist dein neuer Weg und wenn du es nicht machst, dann kommst du ins Fegefeuer´. Nein, sondern er gibt uns ganz tief drinnen einen Wunsch rein und wenn du dem folgen würdest, dann würde es dich glücklich machen. Da ist mir klar geworden, dass ich zwar nicht Rennrollstuhlfahrer werden wollte, aber dass ich eigentlich immer Sportler werden wollte.“

…seinen Weg zum Rennrollstuhlsport: „Habe dann nach dieser Wende in meinem Leben irgendwie so einen Drang nach Bewegung gehabt. Dann habe ich den Christoph Etzlstorfer kennenglernt, der dazumal Weltrekordhalter im Marathon war und einer der Checker im Behindertensport und im Rennrollstuhlfahren. Da war mir dann klar, ohne dass ich gewusst habe, wie schwer das ist, dass ich diesen Sport ausüben möchte, weil mir das so getaugt hat.“

…seine erstmalige Qualifikation für die Paralympics 2000 in Sydney: „Ich bin einfach nur ein Bauernbua, der zu Hause gearbeitet hat und das einzige Ausland, das ich gekannt habe, war Freilassing zum Einkaufen. Auf einmal bist du bei den Paralympics in Sydney, auf einem anderen Kontinent und es war einfach so groß für mich und mir gedacht habe: Wahnsinn, was in meinem Leben passiert ist.“

…seinen ersten Paralympicssieg in Athen 2004 und über den Weg dorthin: „Ich war damals schon richtig gut im Rennrollstuhlfahren und bin als Mitfavorit bzw Hauptfavorit in die Rennen dort gegangen. Dann bin ich am Start im ersten Bewerb gestanden und habe mir gedacht: Jetzt kann ich es erreichen. Aber es ist dann gleich nach dem Start ein Japaner vorne weggegangen, den ich davor noch nie in meinem Leben gesehen habe, bin dem wie ein Hund einem Blatterl Wurscht nachgefahren und bin dann knapp Zweiter geworden und habe mir gedacht: Scheiße, mein Traum ist vorbei, das wird nichts mehr und dann sind schon diese negativen Gedanken gekommen. Im nächsten Rennen hat wieder der Japaner gewonnen, ich war in einem Teufelskreis drinnen. Ich habe dann aber zu mir gesagt: Lass die Kirche im Dorf, du hast schon so viel gewonnen, so viel erreicht, sei doch zufrieden. Und als Sommersportler und Olympiasportler in der Wiege des Sports, in Athen zu sein, ist ein Wahnsinn. Ich habe mir dann beim Goldrennen keinen Pulsmesser beim Aufwärmen raufgetan, habe nur nach Gefühl aufgewärmt und dann ist so, glaube ich, das Rennen meines Lebens passiert. Ich kann mich an das Rennen eigentlich gar nicht mehr wirklich erinnern, weil es ist einfach so passiert. Ich glaube, da hat Gott wirklich einen Finger auf mir gehabt und es war irgendwie bestimmt für mich, dass ich dort gewinne.“

…die Bedeutung seiner Erfolge und Medaillen: „Sind Meilensteine, die in meinem Leben passiert sind, aber trotzdem sind sie nicht der größte Sieg in meinem Leben. Würde jede Medaille wieder hergeben, wenn ich wieder gehen könnte. Die Medaillen zeigen mir nur, dass jeder irgendwelche Umstände im Leben bekommt und dann geht es darum, worauf man seinen Fokus richtet, weil ich sage immer: Wenn man auf Scheiße schaut, dann sieht man auch nur Scheiße. Oder man richtet seinen Fokus auf die Möglichkeiten. Dann war ich im Rollstuhl und habe mir gedacht: Soll ich daran zugrunde gehen oder suche ich wieder meine Möglichkeiten? Und dann ist eben dieser Sport gekommen. Aber ich glaube einfach nicht, dass es Zufall war, sondern dass ich durch den Glauben meine Bestimmung gefunden habe, im Rennrollstuhlfahren.“

…seinen Traum Paralympische Spiele 2024: „Im Geiste sehe ich mich 2024 mit der Fahne einmarschierend im Olympiastadion in Paris und dem ordne ich alles unter.“

…Klassenzusammenlegungen im Parasport und die Zukunft des Behindertensports: „Bis 2004 war das eigentlich noch relativ gut, aber dann hat es begonnen, dass sie ungleiche Behinderungsgrade begonnen haben, zusammenzuschmeißen, was dann nicht mehr fair ist. Ich muss teilweise gegen Leute fahren, der steht beim Frühstück neben mir und dann muss ich gegen den fahren und weiß ganz genau, das ist nicht fair. Die wollen immer weniger Klassen machen, um es medial besser zu verkaufen. Ich finde aber, der Behindertensport hat auch einen sozialen Auftrag, nämlich dass man sich messen kann, unter fairen Bedingungen. Und für den Schwerbehinderten ist der Sport fast noch wichtiger im Alltag, um sich zu motivieren. Wenn der aber merkt, dass er keine Chance hat, dann kommt der ja nie zu Sport. Gerade die, die es schwer im Alltag haben, vom Sport auszuschneiden, ist einfach der komplett falsche Weg. Weil wenn in 20 Jahren nur noch Leichtbehinderte dabei sind und dann fast so schnell wie die Nichtbehinderten sind, dann heißt es plötzlich: Die können gleich bei den Normalen auch mitmachen und dann haben wir plötzlich keinen Behindertensport mehr. Es ist so mein Wunsch, dass die nicht den sozialen Auftrag vergessen.“

…seine Lehren aus dem Unfall: „Schicksal kann man nicht vermeiden, wichtig ist einfach, wie man danach damit umgeht.“

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